Die Sichtbarkeit von Drogenkonsum im öffentlichen Raum und von Obdachlosigkeit hat in Berlin in den letzten Jahren spürbar zugenommen. Neben bekannten Hotspots wie dem Kiez um die Schöneberger Kurfürstenstraße, dem Kotti oder dem Görli, steht insbesondere Nord-Neukölln mittlerweile im Fokus. Orte wie der Anita-Berber-Park, die Lessing- und Thomashöhe, der U-Bahnhof Leinestrasse und auch die Rollbergsiedlung sind von Suchterkrankten stark frequentiert. Auf Spielplätzen, in Parks, in Hauseingängen oder Garagen werden Suchtstoffe offen konsumiert, gebrauchte Spritzen, Müll und Unrat hinterlassen. Auf der Suche nach Obdach und Konsumräumen werden auch Keller und Wohngebäude genutzt. Der Konflikt zwischen dem Sicherheitsempfinden von Anwohnenden und der Hilfsbedürftigkeit der Suchterkrankten, die angesichts von Wohnungskrise, Verdrängung und knappen Mitteln zur Unterstützung stärker unter Druck geraten, tritt immer stärker zutage. Am Abend des 8. Septemberfand daher auf dem Falkplatz eine Informationsveranstaltung zum Thema statt, zu der das Quartiersmanagement Rollbergsiedlung eingeladen hatte. Aus vier Perspektiven (Neuköllner Suchthilfekoordination, Drogensozialarbeit, lokale Substitutionspraxis und Hausverwaltung) wurde über die bestehende Unterstützung für Suchterkrankte, Maßnahmen zum Umgang mit der Situation im öffentlichen Raum, Herausforderungen sowie Grenzen möglicher Maßnahmen berichtet. Im Anschluss konnten interessierte Anwohnende Fragen stellen, und von ihren Herausforderungen mit der Situation berichten. Ziel des Abends war es, zum Thema miteinander ins Gespräch zu kommen, mögliche Lösungsansätze zu diskutieren und zu informieren, wer für welche Fragen und Probleme Ansprechpartner ist.
Die Lage
Den Einstieg ins Thema machte Herr Steuber, der Suchthilfekoordinator beim Bezirksamt Neukölln. Er schilderte, dass sich die Problematik seit Jahren auf einem gleichbleibend hohen Niveau bewegt. Dadurch, dass durch Flächenentwicklung mehr und mehr Rückzugsflächen verschwinden, komme es allerdings immer wieder dazu, dass sich die Konsum- und Aufenthaltsorte von Suchterkrankten regelmäßig verlagern, auch in Wohngebiete. Mehr als in anderen Stadtteilen sei die Szene in Neukölln sehr mobil. Der Handel mit Drogen findet entlang der U-Bahnlinien 7 und 8 nördlich der Ringbahn statt, so dass sich Suchterkrankte verstärkt in den Kiezen zwischen Kottbusser Tor und den S-Bahnhöfen Hermannstraße sowie Neukölln aufhielten.
Momentan ist der Druck auf die Rollbergsiedlung höher als noch vor einem Jahr – entfielen früher etwa vier Prozent der Beschwerden bei der bezirklichen Suchthilfekoordination auf die Siedlung, sind es heute 16 Prozent. Doppelt so häufig betroffen sind die umliegenden Parks. Das Problem hat sich durch neue Suchtstoffe wie Crack weiter verschärft – im Gegensatz zu Heroin macht diese Droge ihre Konsumenten, auch durch die deutlich höhere Konsumfrequenz, unruhig und aggressiv. Es wird erwartet, dass synthetische Drogen wie Fentanyl, wie es in den USA bereits seit einiger Zeit der Fall ist, und die sich zuspitzende Wohnungskrise die Situation weiter verschärfen.
Für die Finanzierung von Prävention und Suchthilfe mit illegalen Drogen ist der Berliner Senat zuständig. Bei der Umsetzung von Maßnahmen wie beispielsweise der Bereitstellung von Konsumräumen wie dem in der Karl-Marx-Straße, arbeitet die Senatsverwaltung eng mit dem Bezirksamt Neukölln zusammen. Für solche betreuten Konsumräume oder Subsititutionspraxen ist es jedoch fast unmöglich, Vermieter zu gewinnen, so dass neben der anhaltenden Suche auch auf mobile Lösungen wie ein Drogenkonsummobil, das an drei Tagen der Woche im Anita-Berber-Park aufschlägt, gesetzt wird.
Vom Berliner Senat gefördert wird auch ein Peer-Projekt in Trägerschaft der Fixpunkt gGmbH, das Menschen mit Suchterfahrungen eine Beschäftigung bietet und unter anderem Spritzen und infektiöses Material in Parks aufsammelt und professionell entsorgt.
Jana Blomberg von Fixpunkt, die als aufsuchende Sozialarbeiterin mit Suchtkranken auf der Straße arbeitet, berichtet im Anschluss von ihren Erfahrungen. Ihr Vorgehen ist an den Bedürfnissen der Suchtkranken orientiert, freiwillig und auch auf die Vermittlung an weitere Beratungsstellen und Unterstützungsangebote wie beispielsweise die Wohnungslosenhilfe, ausgerichtet. Allerdings gebe es insgesamt nur vier Teilzeit-Stellen in ganz Neukölln für die riesige Aufgabe. Es bräuchte also deutlich mehr Gelder, um weitere Beratungskapazitäten zu schaffen.
Was tun?
Das Interesse an der Problematik und an Lösungen ist groß, wie die hohe Besucher:innenanzahl von mehr als 40 Leuten bei der Informationsveranstaltung zeigt.
Jana verteilt Visitenkarten, bietet an, sich zum Gespräch mit Nachbar:innen zu verabreden. Dabei hat sie außerdem einen kindgerechten Ratgeber zum Umgang mit Spritzen und für die Erwachsenen eine praktisch Ansprachehilfe. Deren Hauptvorschläge im Umgang mit Betroffenen: respektvoll bleiben, auf Menschen zugehen, zur Not die Polizei dazurufen.
Als Nächste berichtet Corinna Blaschke, die Leiterin der Ambulanz für Integrierte Drogenhilfe (AID), die sich in der Rollbergsiedlung befindet, aus dem Alltag in der Suchthilfe. Unterstützt von Ärztinnen und einer Security-Person bieten sie Hilfe bei der Wiedereingliederung von Süchtigen in den Alltag. Dabei kommt es nach ihrer Aussage vor allem darauf an, sich mit anderen Trägern zu vernetzen und Wert auf gute Kommunikation zu legen, um etwas zu erreichen, auch wenn sich die Problemlagen nur langsam verändern.
Als Vermieterin in der Rollbergsiedlung ist die STADT UND LAND ebenfalls mit drei Vertreter:innen bei der Veranstaltung präsent. Sie schildern, was das Wohnungsunternehmen für die Sicherheit und die Instandsetzung tut, etwa dass ihre Security in Tag- und Nachtschichten vor Ort ist und alle möglichen potenziellen Treffpunkte der Drogenszene regelmäßig begeht. Außerdem könne man sich mit Anliegen jederzeit melden – sowohl bei der Security direkt wie bei Schadensmeldungen zu Türen und Schlössern, die nicht schließen, oder Beleuchtung, die nicht funktioniert, beim Kundenservice.
Dass das nicht immer funktioniert und die Kommunikation bei Anliegen für die Mietenden oft ins Leere läuft, schildern daraufhin die Anwohner:innen. Ihren Beschreibungen ist anzumerken, wie unzufrieden sie mit den Zuständen vor Ort sind. Sie berichten, dass es immer wieder zu nächtlichen Zusammenkünften der Drogenszene in Garagen, in Hausfluren und Hauseingängen sowie auf Spielplätzen kommt, mit deren Folgen sie sich allein gelassen fühlen. Von der STADT UND LAND fordern sie vor allem Schließanlagen schneller zu reparieren und die Security auszubauen. Deren Vertreter:innen versprechen, das ernst zu nehmen: „Wir sind hier, um in Dialog gekommen. Wir sind bestrebt, besser und schneller werden. Wir nehmen die Themen mit.“
Unzufrieden sind viele der Anwohnenden aber auch damit, dass mit den Räumen von AID in der Morusstraße die Problematik von Suchterkrankungen ausgerechnet mitten im Wohngebiet und gegenüber einem Spielplatz einen Ort gefunden hat. Insbesondere am Wochenende träfen sich viele Suchtkranke vor der Praxis. Dann komme es zu regelrechten Massenaufkommen, die teilweise angsteinflößend wirkten und weder Familien mit Schulkindern noch Erwerbstätigen, die das Wochenende bräuchten, um sich zu erholen, zuzumuten seien.
Die Ärztinnen aus dem Zentrum verweisen darauf, dass alle suchtmedizinischen Patient:innen eine Hausordnung unterschreiben müssen, die ihnen Aufenthalt und Konsum in der Nähe der Praxis verbieten, was von der Security auch weitgehend durchgesetzt würde. Außerdem habe man sich den Standort nicht ausgesucht – es hätte einfach im Bezirk keine anderen Räumlichkeiten gegeben und man sei wahnsinnig dankbar, die Behandlung und Betreuung an diesem Standort durchführen zu können .
Mit der Veranstaltung – das immerhin wird am Ende von allen Seiten festgestellt – sei man jedoch ins Gespräch gekommen. Nun geht es darum, gemeinsam für alle tragfähige Lösungen zu suchen. Dass das nicht von heute auf morgen gehen wird, ist allerdings auch klar.
Text: H. Heiland und QM Rollberg, September 2026, Bilder: H. Heiland














Natur, Nachhaltigkeit, Nachbarschaft: Alles da, alles hier.
